Zwischen Segeln, Sorgen und Sonne an Frankreichs Mittelmeerküste

In freudiger Erwartung schließe ich die Tür des Taxis im Hafen von Canet-en-Roussillon und scanne den Steg nach unserem Boot ab. Es ist nicht wirklich unser Boot, aber für die nächsten zwei Wochen sind Michael und ich verantwortlich für die Ocean Light, ein Lagoon 42 Katamaran. Ein halbes Jahr befand sich der Katamaran nun in der Werft, wo die bei einem heftigen Atlantiksturm entstandenen Schäden behoben wurden. Heute Morgen wurde es erstmalig wieder zu Wasser gelassen und sollte jetzt fast fertig für die Überführung nach Cannes sein.

Ein Werftmitarbeiter weist uns den Weg zum Liegeplatz. Mir springen Werkzeugkästen, Unordnung und Dreck ins Auge. Das soll der luxuriöse Katamaran sein, mit dem wir in ein paar Tagen in Richtung Côte d’Azur aufbrechen wollen?

Tagebucheintrag von Mittwoch, 27. April 2022

Ich betrete den Katamaran, aber das magische Gefühl bleibt aus. Vielleicht liegt es daran, dass es ein Kat ist, vielleicht an der Unordnung andauernder Reparaturarbeiten, vielleicht daran, dass wir noch nicht morgen aufbrechen. Das Lesen auf dem Netz und der Ausblick vom Fenster aufs Wasser versöhnen mich jedoch mit der Lage. Wenn ich ganz ruhig bin, kann ich eine winzige Bewegung des Bootes wahrnehmen. Endlich wieder auf dem Meer!

In meiner Vorstellung würden wir maximal zwei Tage im Hafen verbringen, bevor wir endlich lossegeln würden. Am Ende werden es ganze sechs Tage, in denen wir am Steg auf die Fertigstellung des Bootes warten müssen. Nicht nur die Werftmitarbeiter werkeln fleißig an allen Ecken, auch wir sind schwer beschäftigt. Der Kat muss einmal gründlich durchgeputzt, aufgeräumt und umsortiert werden. Das machen wir tagsüber, abends bekommen wir einen Firmenwagen der Werft. Den nutzen wir für notwendige Einkäufe, um die Einrichtung zu verschönern.

Tagebucheintrag von Freitag, 29. April 2022

Seit gestern Morgen wird fleißig geputzt. Schränke, Kabinen, Bäder und das Deck werden geschrubbt. Als wir hier ankamen, sah das Boot nahezu unbewohnbar aus. Überall war Dreck, Zeug stapelte sich im Salon und Werkzeug blockierte den Durchgang. Jetzt sind alle Arbeiten abgeschlossen, nur der Kühlschrank fehlt noch. Unsere Kabine ist gemütlich mit geblümtem Bettzeug bezogen und die Wände und Oberflächen blitzen wieder. Küche und Salon wurden aufgeräumt und gewischt. Die Lounge an Deck wurde ebenfalls gesäubert und mit Polstern bestückt. Gestern Abend haben wir Unmengen an Handtüchern und Bettzeug gekauft, um alle Kabinen komfortabel auszustatten.

Meine Haut hat bereits Seglerbräune und das Wetter ist richtig sommerlich. Obwohl ich viel arbeite, geht es mir gut. Schon lange war nicht mehr so wenig langweilig. Ich suche mir meine Aufgaben selbstständig und mache Pause, wenn mir danach ist. Zusammen bekommen wir eine Menge geschafft. Ich fühle mich frei und zufrieden. Hier gehöre ich her. Auf ein Segelboot, auf das Meer, zu zweit. Nun sitze ich mit einem Bier in der Hand draußen und schreibe diese Zeilen. Ich bekomme nicht genug vom blauen Himmel und der salzigen Haut. Bald geht es endlich los aufs Meer hinaus, das haben wir uns verdient.

Am Freitag bekommt meine Euphorie einen kleinen Dämpfer. Nachdem am Kühlschrank ein Problem mit einem Kabel festgestellt wurde, das die Kühlfunktion unterbindet, haben wir bis heute auf eine Lösung gewartet. Ein Ersatzteil ist nicht verfügbar und ein neuer Kühlschrank hat mehrere Monate Lieferzeit. Als Zwischenlösung wird für den Sommer der alte Kühlschrank wieder eingebaut. Das passiert leider erst am Montag. Auch die Versicherung des Katamarans lässt auf sich warten, sodass wir das Wochenende weiterhin im Hafen verbringen müssen. Ich gebe mir Mühe, meine Laune nicht allzu sehr davon beeinflussen zu lassen, aber es nervt mich. Geplant waren knappe zwei Wochen Urlaub an der Côte d’Azur, stattdessen gibt es aufräumen und putzen.

Am Samstag wird weiter gewerkelt, am Laptop gearbeitet und das Wetter genossen. Abends probieren wir den Grill aus, der an der Reling befestigt wird. Mit gegrilltem Gemüse, Würstchen, Salat und einer Flasche Weißwein lassen wir den Abend ausklingen. Morgen ist Sonntag und auch wir nehmen uns frei. Mit dem Auto der Werft möchten wir ein Stück ins Landesinnere fahren, die Landschaft genießen und einige Burgen besichtigen. Hier im Umkreis gibt es eine große Anzahl mehr oder weniger verfallener Burgen, oft auf einem Berg gelegen.

Tagebucheintrag von Sonntag, den 1. Mai 2022

Zur Ablenkung ging es heute mit dem Auto zu einer Burgentour. Dass Carcassonne eine richtige Stadt in der Burg beherbergt, war uns nicht bewusst, interessant war es trotzdem. Die Burg Puilaurens entsprach mehr meinem Geschmack. Hoch oben auf dem Berg thront sie und ist für eine Ruine sehr gut erhalten. Die Aussicht auf die grün bewachsenen Hänge ringsum war spektakulär. Allgemein haben mich die frühsommerlich blühende Landschaft sowie die Weinreben neben der Straße begeistert. Es macht mich glücklich, endlich wieder dünn bekleidet herumzulaufen. Trotz der Freude habe ich immer wieder Geldsorgen. Die Ausgaben sind einfach deutlich höher als die Einnahmen. Ich muss einfach darauf vertrauen, dass ich das zum Ende des Jahres ändere, bevor mein Erspartes aufgebraucht ist.

Abends denke ich über mein Jubiläum nach. Vor genau einem Jahr hat mein neues Leben begonnen. Zum Feiern bin ich zu erschöpft, aber für einen Tagebucheintrag reicht meine Kraft noch. Indirekt feiere ich mein Leben fast jeden Tag.

Tagebucheintrag von Sonntag, den 1. Mai 2022

Heute vor genau einem Jahr habe ich den ersten Eintrag gemacht. Ich habe mich von meiner Traumwohnung verabschiedet und den Mietwagen so vollgeladen, wie es ging. Alles, was nicht hineinpasste, musste sich von mir trennen. Dann brach ich auf in eine unbekannte, verrückte Zukunft. Mutig war ich damals, unglaublich mutig. Nur mit Mut komme ich weiter und kann Neues erleben. Ein Jahr später sitze ich gratis auf einem Katamaran, habe einen Mann an meiner Seite und fühle mich, als würde ich gerade erst am Anfang stehen. So viel habe ich bereits erlebt, eine Bandbreite an Erfahrungen gemacht. Doch da ist dieses Wissen, dass noch deutlich mehr kommen wird. Keine Ahnung, wohin mich mein Leben führt, aber die aktuelle Richtung gefällt mir. Sie fühlt sich gut an, herausfordernd. Mein Leben hat das Potenzial, großartig zu sein. Es ist bereits umwerfend.

Nachdem am Montag endlich der alte Kühlschrank wieder eingebaut wurde und von Michael wieder in einen annehmbaren Zustand versetzt wurde, bekommen wir abends die Nachricht, dass auch die Versicherung endlich aktiv ist. Morgen können wir endlich hinaus aufs Meer. Den Dienstagmorgen nutze ich noch zur Abarbeitung von zwei Aufträgen, bevor wir alles seefest machen und in Begleitung von drei Werftmitarbeitern im Beiboot die Hafenausfahrt ansteuern. Kurz vor dem Ablegen haben Michael und ich etwas gestritten, und meine Laune ist eher schlecht deswegen. Um den Kopf wieder freizubekommen, setze ich mich mit meinem Reisetagebuch an das Steuer.

Tagebucheintrag von Dienstag, den 3. Mai 2022

Ich bin so bockig, dass mir gar nicht richtig bewusste wird, dass wir endlich unterwegs sind. Anstatt mich darüber zu freuen, runzele ich missmutig die Stirn. Warum eigentlich? Das Meer ist klar und leuchtet, die Sonne hat den Regen verdrängt. Ich darf so frei an diesem Boot hantieren wie auf der Jo Eh. Kein Skipper, der mich einschränkt. Heute Morgen habe ich bereits Geld verdient und für morgen steht eine Überfahrt mit Nachtfahrt an. Dabei wird der Mistral sicher für die gewünschte Action in Bezug auf Wind und Welle sorgen. Was quält mich also? Wieso fällt mir das Leben so schwer? Manchmal schaffe ich mir exakt das Leben, das ich haben möchte, aber stehe mir im Weg dabei, es zu leben und zu genießen.

Es fühlt sich gut an, dass der Boden sich wieder bewegt. An der Küste türmen sich Berge auf, die in größerer Entfernung blasser werden. Unser Kurs ist auf eine traumhafte Bucht kurz hinter der spanischen Grenze gerichtet. Vorhin habe ich sogar schon Delfine entdeckt, von denen einer aus dem Wasser gesprungen ist. Ich schreibe nicht aus Pflichtgefühl, sondern weil ich Worte im Kopf und viel Zeit habe. Irgendwie macht es mir Spaß, hier oben am Steuer zu sitzen und meinen Liebsten herumzukommandieren. Er soll jetzt mal versuchen, einen Fisch für uns zu fangen. Vielleicht klappt es hier ja besser als vor Sardinien. Ich glaube, er freut sich sogar über Aufgaben, weil er nicht stillsitzen kann.

Manchmal stelle ich mir vor, es wäre unser Boot und dies der Beginn unserer Weltumsegelung. Es ist schön, nur zu zweit zu sein und eigene Entscheidungen zu treffen. Die langsame Geschwindigkeit hilft beim Entschleunigen. Bisher habe ich in diesem Jahr noch nicht meine innere Mitte gefunden. Vom Stress in der Schweiz über die fehlende Selbstständigkeit in Österreich bis hin zur Arbeitswut auf der Ocean Light. Es wird Zeit für mehr innere Ruhe.

Kurz vor Sonnenuntergang erreichen wir nach neun Stunden Fahrt unsere Ankerbucht an der Küste Spaniens. Aufgrund der Enge entschließen wir uns für ein Ankermanöver mit Landleine. Es befindet sich keine lange Leine an Bord, also binden wir mehrere Leinen zusammen. Zu zweit benötigen wir eine Stunde, bis wir final liegen. Mittlerweile habe ich ein Gefühl dafür, wie sich der Katamaran verhält und wie ich ihn mit den beiden Motoren steuere. Michael hat Vertrauen in meine Fähigkeiten. Müde, aber glücklich stoßen wir auf unsere erste Fahrt an und genießen den Abend mit nichts außer Natur um uns herum.

Den nächsten Tag starten wir mit langem Schlafen und viel Ruhe. Wir planen unsere Überfahrt und teilen Wachschichten ein. Das Ziel soll die Insel Porquerolles sein, die nicht weit von Toulon entfernt liegt. Knappe 150 Seemeilen liegen vor uns. Als am Nachmittag ein Motorboot seinen Anker in unsere Kette wirft und damit unseren Anker löst, beschließen wir direkt loszufahren. Unser Ziel ist es, am Rande des Mistrals zwar seinen Wind zu nutzen, aber nicht in den Kern mit der aufgewühlten See zu gelangen.

Tagebucheintrag von Mittwoch, den 4. Mai 2022

22:15 – Inzwischen ist es draußen stockdunkel. Das letzte Tageslicht ist der Schwärze der Nacht gewichen. Wie an einem normalen Abend habe ich Zähne geputzt und meine Haare gebürstet. Den Schlafanzug ziehe ich nicht an, denn um Mitternacht ich bereits wieder aufstehen. Bis 3 Uhr morgens dauert dann meine Schicht. Ich bin gespannt, ob der Mistral bis dahin bei uns angekommen ist. Obwohl ich es letztes Mal so geliebt habe, ist da jetzt wieder großer Respekt. Es dauert wohl eine Weile, bis ich wieder Vertrauen in mich und meinen Körper auf dem Meer habe.

Tagebucheintrag von Donnerstag, den 5. Mai 2022

00:17 – Wie bereits erwartet, habe ich wenig geschlafen und bin jetzt entsprechend müde. Die Wettersituation hat sich kaum verändert. Windrichtung und Stärke sowie Wellenhöhe sind gleich. Nur die Wolken haben sich verzogen und geben den Blick auf einen leuchtenden Sternenhimmel frei. Mitten auf dem Meer wird die Sicht nach oben ausschließlich durch das Motorlicht am Mast getrübt. Direkt über mir ist der große Wagen gut zu erkennen. Er ist mein Anker am Himmel, denn an jedem Ort suche ich zuerst nach ihm. Das zweite Zeichen ist meist Kassiopeia, aber das habe ich heute noch nicht entdeckt.

Ich bin hin- und hergerissen zwischen der Freude über den seichten Wellengang und der Enttäuschung, dass wir seit nunmehr vier Stunden unter Motor fahren. Glücklicherweise liegt diese knifflige Entscheidung nicht bei mir. Ansonsten ist es ruhig an Deck. Keine Schiffe auf Kollisionskurs. Vor uns nur das weite Meer. Gerade haben wir die 100 Seemeilen bis zum Ziel unterschritten. Um der Kälte an Deck zu trotzen, trage ich zwei Pullis unter meiner Segeljacke, dazu Jeans und Socken. So lässt es sich gut aushalten. Es ist eben erst Anfang Mai und der Hochsommer mit seinen heißen Nächten ist noch eine Weile entfernt. Ich genieße es sehr, jetzt schon auf dem Wasser zu sein. Mitten im Satz schaue ich nach oben und beobachte eine Sternschnuppe bei ihrem Flug über den Himmel. Zusammen mit dem Delfinbesuch in der Dämmerung macht es die Fahrt bereits wieder ziemlich perfekt.

06:21 – Da ist der Wind auch schon wieder verschwunden. Nachdem es in meiner letzten Schicht stetig mehr geblasen hat – zum Ende hatten wir über 20 Knoten Wind und sind mit 7-8 Knoten gesegelt – ist nun nichts mehr übrig. Im Halbschlaf habe ich mir brechende Wellen und den Kampf gegen Übelkeit vorgestellt. Die Realität ist, wie so oft, deutlich harmloser als meine Fantasie. Der einzige Kampf, den ich gerade kämpfe, ist gegen die Müdigkeit. Ich konnte zwar ein wenig schlafen, aber weder tief noch lange genug. Mein müder Körper friert trotz mehrerer Schichten. Ich sehne den Sonnenaufgang und etwas mehr Wärme herbei.

Ich musste kurz unterbrechen, um den Motor zu starten. Die Ocean Light ist nur noch auf der Dünung gedümpelt. Dann habe ich die Fock geborgen und das Groß dichtgeholt. Irgendwie finde ich die Schoten sehr schwergängig. Kaum eine Leine lässt sich mit Muskelkraft bedienen, und wenn doch, schmerzen sofort die Hände. Meistens jedoch bewegt sich ohne Kurbel nichts, was ich sehr schade finde. Nichtsdestotrotz habe ich mein Ziel und Hilfe erreicht und das ist es, was zählt. Ist die Sonne eigentlich schon aufgegangen? Mist, ich habe das Motorlicht nicht eingeschaltet. Falls die Sonne schon da ist, könnte ich die Lichter auch gleich ganz ausschalten. Doofe Wolken, die machen es mir schwer.

07:50 – Fünf Delfine sind vor dem Kat hergeschwommen und gleichzeitig aufgetaucht. Ich konnte unter Wasser die Augen, die Schnauze und den weißen Bauch erkennen. Als ich nach langer Überlegung Michi geweckt habe, sind sie verschwunden.

14:55 – Die Sonne wärmt mich mit ihren Strahlen. Im windgeschützten Bereich kann ich mich ohne T-Shirt sonnen. Meine Stimmung war heute Morgen auf einem Hoch, nachdem ich die Fock zum Segeln gesetzt hatte und wir mit 5 Knoten dahinglitten. Dann bekamen wir erneut Besuch von Delfinen. Diesmal waren es bestimmt mehr als zehn. Von allen Seiten kamen sie in unsere Richtung, um uns vor dem Bug ihre Show zu zeigen. Fasziniert bewegten wir uns nicht vom Fleck, bis sie verschwanden. Motiviert habe ich uns zum Frühstück Rührei zubereitet. Wie alles auf dem Meer hat es wahnsinnig gut geschmeckt. Anschließend habe ich die Zeit genutzt, um Schlaf nachzuholen. Jetzt fühle ich mich wieder fit.

Kurz nach dem Wachwerden bekam mein Handy wieder Empfang und diverse Mails trudelten ein. Gleichzeitig spürte ich mein erneut entzündetes Zahnfleisch schmerzhaft. Das Ende der völligen Abgeschiedenheit zusammen mit den Schmerzen im Mund gab meiner erreichten Unbeschwertheit einen Dämpfer. Eine weitere Delfineskorte, kuscheln und von Michael zubereitetes Toast Hawaii haben meine Mundwinkel wieder etwas angehoben. Jetzt schaue ich mit einem Bier in der Hand nach Steuerbord in Richtung offenes Meer. An Backbord sind bereits die ersten Umrisse vom Land zu sehen. Ich bin noch nicht bereit für die Realität, für das Verlassen unserer kleinen Blase. Eine Blase, die nur aus Bootsführung, essen, schlafen und küssen besteht. Das tut mir so unglaublich gut. Ein kleiner Fleck im großen Meer, umgeben von Wasser zu allen Seiten.

Wichtiges wird plötzlich unwichtig und Kleinigkeiten gewinnen an Bedeutung: singen, schreiben, Sterne und Delfine beobachten, Körperkontakt, wann immer möglich. Es kommt mir verrückt vor, dass ich jemals an meiner Liebe zum Segeln zweifeln konnte. Ich gehöre hier hin. Mit einem Notizbuch und einem Stift auf das Meer, in die Sonne. Das ist mein Zuhause. Eines von vielen. Freiheit. Physisch und mental.

Weil unsere Ankunft bereits im Dunkeln stattfinden würde und wir müde werden, verlegen wir unser Ziel in die Nähe von Toulon. Dort sollten wir geschützt auf Sandboden ankern können. Als wir ankommen, bin ich bereits hungrig und muss auf die Toilette. Aus kurz den Anker werden wird leider nichts. Beim Heranfahren an das Land möchte ich aufstoppen, um nicht in noch flacheres Gewässer zu gelangen. Statt zu bremsen, macht der Kat einen Satz nach vorne und dreht sich. Erschrocken rufe ich nach Michael. Er manövriert uns in tieferes Wasser und überprüft den Backbordmotor. Tatsächlich lässt sich der eingelegte Vorwärtsgang nicht durch den Schalthebel lösen. So gab es beim vermeintlichen Rückwärtsfahren einen Schub nach vorne.

Mit dem Steuerbordmotor fahren wir zurück in die Bucht und fahren den Anker ein. Aus der Weiterfahrt am nächsten Tag wird erst einmal nichts. Durch Kontakte von der Werft kommen nachmittags direkt zwei Mechaniker in Hyères an Bord und begutachten das Problem. Der Seilzug ist gerissen. Heute ist Freitag, das Ersatzteil kann erst am Montag geliefert werden. Eingebaut werden muss es jedoch von Michael, weil die Mechaniker keine Zeit haben.

Um uns trotzdem ein schönes Wochenende zu machen, fahren wir am Freitagabend noch wenige Meilen hinüber zur Insel Porquerolles, unserem ursprünglichen Ziel. In einer Bucht mit klarem, türkisen Wasser und weißem Strand verbringen wir das Wochenende. Sonntagnachmittag fahren wir mit dem Dingi an Land und erkunden ein wenig die Insel. Einige Stunden zuvor hatte es geregnet, sodass das dichte Grün entlang der Wege noch feucht ist und duftet. Ich bin begeistert vom vielen Grün und den traumhaften Ausblicken über das Meer, inzwischen bei Sonnenschein und hohen Temperaturen. Am Abend heizen wir wieder den Grill an, denn ich habe tatsächlich die ersten zwei Fische meines Lebens gefangen.

Tagebucheintrag von Sonntag, den 8. Mai 2022

Jetzt habe ich tatsächlich einen Fisch gefangen. So lange und ausdauernd habe ich es probiert, aber nie habe ich mich gefragt, was ich tun würde, wenn es wirklich klappt. Mit einer Muschelnudel vom Auflauf von gestern, an einem alten Haken befestigt, habe ich ihn bekommen. Und plötzlich hing er an der Schnur und zappelte wie wild umher. Ich habe so laut gekreischt, als wäre ich das Opfer. Das Töten musste Michael übernehmen. In mir ist eine Mischung aus Stolz, Ekel und Zweifel. Das war ziemlich mutig und von mir und ein gutes Beispiel dafür, wie ich mit Fehler machen an mein Ziel komme. Dagegen steh das Gefühl, ein Lebewesen getötet zu haben. Und Spaß bei dem Versuch gehabt zu haben. Möglicherweise war das gerade eine erste Lektion in „Tiere wachsen nicht im Supermarktregal“.

Montag legen wir früh die kurze Strecke nach Hyères zurück und warten auf den ersehnten Anruf, dass das Ersatzteil abholbereit ist. Ich nutze den Tag zum Arbeiten und Sonnen und kann ihn sogar ein wenig genießen. Um 17:30 wird Michael, der inzwischen wie ein Tiger im Käfig auf dem Boot umherläuft, erlöst. In einer Rekordzeit von etwas über einer Stunde baut er das Teil fehlerfrei ein und sorgt damit wieder für volle Manövrierfähigkeit. Ich freue mich, aber fühle mich auch erschöpft von all den zeitlichen Vorgaben und Hindernissen. Um die Überfahrt nach Cannes am folgenden Tag zu verkürzen, fahren wir direkt noch einige Meilen weiter.

Dienstagnachmittag erreichen wir schließlich Cannes. Nach einer fast windlosen Fahrt, die mir einen schönen Sonnenbrand beschert, segeln wir nahe dem Ziel doch noch einige Meilen nur mit der Fock. Wir müssen recht ungeschützt ankern, da keine Marina Platz für einen Katamaran hat. So ein großes Luxusboot hat eben nicht nur Vorteile.

Der Skipper für den nächsten Törn stößt abends zu uns. Zu dritt fahren wir an Land und gehen eine leckere Pizza für einen fast bezahlbaren Preis essen. Wir machen viele Witze mit der Kellnerin und ich fühle mich richtig wohl in dem für Cannes eher untypisch wenig luxuriösem Ambiente. Abschließend gibt es eine große Kugel Eis in der Waffel und ich bin versöhnt mit dem Tag.

Bevor wir Mittwochmittag zum Flughafen nach Nizza fahren, steht noch Putzen auf dem Programm. Mein Kopf tut leicht weh von zu viel Wein am Vorabend und meine Motivation steht am Tiefpunkt. Ich schwitze, während ich das Gefühl habe, den Staub und die Haare nur von rechts nach links zu wischen. Mein persönliches Tief bekommt neues Futter auf dem Weg zum Flughafen. Mir wird bewusst, dass ich in zwei Wochen fast nichts vom Land zu sehen bekommen habe und mein Leben aktuell nach einem Zeitplan verläuft. Genau dem wollte ich doch eigentlich entkommen. Meinen auf dem Rückflug geschriebenen Tagebucheintrag halte ich an dieser Stelle privat, denn dort sind viele dieser Emotionen ausführlich eingeflossen. Meine jetzigen Gedanken sollen nicht die Unmengen schöner Momente und Freiheitsgefühle überlagern. Meistens richten sich die Dinge früher oder später von ganz alleine.

Danke für deine Aufmerksamkeit bis hierhin! Wenn du Gedanken dazu hast, lass mir gerne einen Kommentar da.

Deine Sunny

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