Und plötzlich wieder allein – eine Woche in Schleswig

Jeden, der sich bei dem Titel dieses Beitrags erschreckt hat, möchte ich beruhigen. Michael und ich sind sehr glücklich zusammen, man könnte es fast als kitschig bezeichnen. Trotzdem verbringen wir aktuell das erste Mal seit Oktober wieder Zeit getrennt voneinander. Während er in Österreich an Sylvie herumbastelt und neue, spannende Abenteuer vorbereitet, sitze ich gerade alleine in einem kleinen Apartment in Schleswig.

Wieso Schleswig? Das hat sich einfach so ergeben. Ich musste in der Nähe von Hamburg einen neuen Reisepass beantragen und selbst mit der Express-Version dauert es eine Woche, bis er abholbereit ist. Meine Eltern haben mich sehr lieb und ich sie auch – aber eine Woche aufeinander hocken im Alltagsstress? Das vermeiden wir alle lieber um des Friedens willen. In Schleswig habe ich ein halbwegs bezahlbares Apartment gefunden, nur zwei Stunden mit dem Regionalzug entfernt, und zwar nicht am Meer, aber zumindest am Wasser.

Irgendwann in der Woche vorher hatte sich der verrückte Gedanke eingeschlichen, dass ich mein Fahrrad mitnehmen könnte. Der Frühling war da und es wurde dringend Zeit, dass ich etwas gegen meine Trägheit tat. So brachten wir mein Fahrrad im Van bis in die Nähe von Schleswig. 18 Kilometer entfernt verabschiedete sich Michael dann in Richtung Österreich und ich fuhr mit meinem Gepäck auf dem Rücken nach Schleswig hinein. Der Frühling hatte sich leider spontan verabschiedet und trotz Sonnenschein waren die 3 Grad ziemlich kalt. Durch das Gewicht des Rucksacks tat mein Po sehr schnell weh und meine Beine erinnerten sich auch nicht mehr so richtig daran, was Sport bedeutete. Trotz aller Anstrengung und Überschätzung erreichte ich Schleswig – mit einem Grinsen im Gesicht.

Ich war offiziell mit dem Fahrrad nach Schleswig gefahren. Mein Apartment hier gefällt mir sehr gut. Es gibt keine Küche, sondern nur einen Kühlschrank und eine mobile Herdplatte. Doch seit dem Vanlife und der Schweiz schockt mich so schnell nichts mehr. Ich fühle mich wohl in meinem bequemen Bett zwischen den blau gestrichenen Wänden, IKEA Möbeln und einem Bild mit Segelbooten an der Wand.

Meine Mission für meine 6 Tage und Nächte hier: Gesünder essen, mich mehr bewegen, arbeiten und das Alleinsein genießen. Ich muss ehrlich zugeben: an das Alleinsein musste ich mich ganz neu gewöhnen. Seit Oktober habe ich jede Nacht mit Michael verbracht, wir haben zusammen gewohnt und gegessen. Die letzten zwei Monate in der Schweiz hatte ich zusätzlich fünf weitere Mitbewohner. Und auf einmal saß ich hier alleine in dem kleinen Zimmer und wollte gleichzeitig noch an meiner Disziplin arbeiten.

Es lief nicht alles perfekt, aber ich habe ein paar gute Schritte gemacht. Ich war fast jeden Tag draußen an der frischen Luft. Auch wenn es mir wirklich schwerfiel, habe ich gegen meine Trägheit angekämpft. Es gab lange Spaziergänge. Einen 3 km langen Fußweg zu Lidl, um mir mein Schinken-Käse-Croissant zu erarbeiten. Sogar zu einem richtigen Home-Workout konnte ich mich überwinden und schaue seitdem wieder viel lieber meinen Po an. Es könnte sogar sein, dass ich das demnächst wiederhole. Damit mein Fahrrad nicht umsonst hierhergefahren wurde und sich der Aufpreis auf die Zugtickets wenigstens lohnt, gab es gestern eine Fahrradtour. Auch die 6 Grad Außentemperatur waren eisig kalt an Fingern und Füßen. Der Gegenwind hat mich ziemlich viel fluchen lassen. Doch zurück zu Hause war ich stolz auf mich. Fast 24 km war ich gefahren. Das waren 24 km mehr als im ganzen letzten Jahr!

In den sechs Tagen bin ich nur zweimal in Bezug auf Kekse schwach geworden. Chips gab es keine, dafür viele Äpfel, Karotten und täglich zwei Liter Tee. Keinen Alkohol. Das wird sich ganz sicher nächste Woche in Frankfurt ändern, aber diese Woche war es möglich. Und ich bin stolz, meinem Körper etwas Gutes getan und mich selbst herausgefordert zu haben. Bis auf Samstag habe ich jeden Tag ein wenig gearbeitet und mit dem Texte schreiben ein bisschen Geld verdient. Auch das war manchmal ziemlich schwer, aber ich bin stolz auf jeden einzelnen Euro.

Was mich besonders begeistert hat, war meine Motivation und Inspiration auch privat wieder mehr zu schreiben. Mein Reisetagebuch hat endlich wieder neue Einträge bekommen. Geschrieben mit kalten Fingern draußen in der Natur. Ich kann es nicht erwarten, dass die Natur wieder mein zu Hause wird. Auf der anderen Seite habe ich auch viel Zeit im Bett mit Grey’s Anatomy oder lesen verbracht und habe schon lange nicht mehr so viel geschlafen. In einigen Momenten ärgere ich mich darüber, aber ich möchte lernen, das in Ordnung zu finden. Das ist meine Zeit für mich und wenn diese Serien guckend im Bett verbringen will, warum zum Teufel nicht?

Dieses Jahr hält noch so viele Abenteuer bereit. Gemeinsame Abenteuer ohne Serien und ohne Betten und Zimmer für mich allein. Und ich freue mich auf jedes einzelne davon. Ich kann es nicht erwarten, endlich wieder auf dem Meer zu wohnen und mit dem Van zu verreisen. Ja, ich vermisse Michael. Ziemlich doll. Es ist ein schönes Gefühl, sich aufeinander zu freuen. Sich zu freuen und trotzdem zu wissen, dass diese Zeit allein gut und wichtig ist.

Ich merke gerade, dass es nicht wirklich viel zu berichten gibt, denn meine Erlebnisse gehen gegen null. Dafür hat sich vieles in meinem Inneren abgespielt. Meinem Kopf, meinem Herz und meinem Körper. Für mich waren diese Tage in Schleswig sehr wertvoll. Das Alleinsein ist manchmal wichtig für mich, auch wenn es mir sehr schwerfällt. Nur so kann ich mir nicht davon laufen, nicht jeden Gedanken aussprechen und an andere abgeben. Ich weiß, dass ich alleine funktioniere und alles schaffen kann. Aber ich möchte das viel lieber gemeinsam tun. Jetzt steht eine Woche in Frankfurt mit Freunden an und das wird mir mindestens genauso guttun. Bis bald!

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